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Rezension Sein & Wohnen


Rezension vom 19.04.2021:
Rötzer, F.: Sein und Wohnen – Philosophische Streifzüge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens, Westend Verlag, Frankfurt/ Main 2020

(Book is unfortunately only available in German)

Kurz gesagt:
Lesenswert für diejenigen, die ein kurzweilig geschriebener Ritt über die Geschichte des Wohnens, architektonische Analogien zum menschlichen Körper sowie die Bedeutung der Digitalisierung für (oder vielmehr gegen) den Schutz in den eigenen vier Wänden interessiert.

Meine ausführliche Meinung:
„Der erste umfassende Versuch einer Philosophie des Wohnens“ steht populär auf dem Buchrücken…und das ist dieses Buch mit Sicherheit nicht. Weder der erste Versuch im Übrigen, noch umfassend philosophisch im Sinne dieser Disziplin.

WAS es ist, ist eine gut geschriebene und flüssig zu lesende Beschreibung verschiedener Aspekte rund um das Wohnen, abgerundet mit ebenfalls beschreibenden Zusammenfassungen von Philosophen, die sich schon mit Architektur beschäftigt haben. Mir gefällt, wie viel Informationen der Autor in seine jeweiligen Kapitel packt und es sind ihm sowohl seine vielfältigen Kenntnisse als auch seine Leidenschaft dem Nachdenken über Wohnen gegenüber anzumerken.

Zunächst beginnt er mit einem Versuch, „Wohnen“ biologisch zu erklären und nimmt dafür Rückgriff sowohl auf Tiere und ihr Wohnen als auch auf den menschlichen Körper. „Eine These wäre, dass Leben, beginnend mit den Einzellern, aus der Abgrenzung und räumlichen Verdichtung hervorgeht, dass der Einschluss des individualisierten Lebewesens aus der Entkoppelung und damit der Aufteilung von innen und außen durch das Gehäuse hervorgeht…Leben entsteht, wo ein Wohnraum und damit eine Grenze geschaffen wird, die eine Außenwelt konstituiert“, so Rötzer (S.16f). Er möchte des Weiteren aufzeigen, dass Wohnen zwingend entscheidend für die menschliche Kultur sei. Ich halte es für fraglich, dass ihm dieser Wunsch mit der reinen Aufzählung der -wirklich interessanten- Fakten gelingt. Neben der Tatsache, dass der Autor generell zu Verallgemeinerungen neigt, fehlt mir auch seine persönliche Konnotation des Dargestellten.  

Gut gelingt es Rötzer, die vergangenen Jahrhunderte des unterschiedlichen Wohnens zu skizzieren und sie ab und an mit philosophischen Erkenntnissen zu verknüpfen, wie am Beispiel der Scham oder Hygiene ablesbar ist (z.B. S. 43ff oder S.168ff). Ausführlich widmet der Autor sich einer pointierten Gegenüberstellung der so unterschiedlichen philosophischen Gedanken zum Wohnen von Heidegger und McLuhan, die ungefähr zeitgleich lebten. 

Immer wieder überrascht mich der Autor mit zum Nachdenken anregenden Formulierungen wie die Folgende: „Auf der Erde ist der Mensch stets ein Migrant auf der Suche nach Heimat und Wohnung gewesen, im Universum klebt er hingegen als Sesshafter an der Erde“ (S.88). Der -an sich nicht neuen- Erkenntnis, dass erst seit der Raumfahrt die Menschheit sich auch als Gast oder anders formuliert Gefangene auf der Erde fühlen kann, widmet er viele Seiten, die er mit unterhaltsamen Aspekten spickt. 

Die Wohnphilosophie Flussers nimmt mehr als ein Kapitel in Rötzers Buch ein. Wir Lesenden erfahren, dass die Beiden sich persönlich ausgetauscht haben und die Begeisterung des Autors für den Philosophen ist greifbar, was dem Lesegenuss aber keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Schwer getan habe ich mich hingegen mit Rötzers eigener Definition von Wohnarchitektur, die oberflächlich betrachtet lediglich eine pointierte Zusammenfassung zu sein scheint (S. 163). So schwer getan, dass ich diese in einem bald veröffentlichen Essay in Tiefe hinterfragen werde. Dies liegt nicht nur daran, dass der Autor hier wie auch an anderen Stellen seines Buches einem logischen Fehlschluss, genauer gesagt einem Autoritätsargument obliegt. Weder sagt „man“ das so wie Rötzer es persönlich meint, noch entspricht es dem „gewöhnlich pragmatische[n] Verständnis“ unserer Gesellschaft.

Großen -und wiederum sehr lesenswerten- Raum nimmt das Thema „Hygiene“ im Buch ein. Rötzer zeigt die Entwicklung unterschiedlicher Hygienevorstellungen im historisch-gesellschaftlichen Zeitverlauf und setzt diese immer wieder auch in den aktuellen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.

Zum Schluss geht der Autor auf die zunehmende Technologisierung unserer Wohnungen ein. Hier vermisse ich eine belastbare Argumentationsstruktur, im Gegenteil hier scheint sich Rötzer sehr subjektiv-kritisch textlich auszuleben. Mögliche positive Aspekte einer Digitalisierung zum Beispiel für das Wohnen pflegebedürftiger Menschen werden von ihm gar nicht erst in Erwägung gezogen und auch systemimmanente Fehler, die beispielsweise zur mangelnden Akzeptanz von „Smart Home“ führen, nur am Rande gestreift.

Trotz all meiner aufgeführten berechtigten Kritik bereue ich es keineswegs, „Sein und Wohnen“ gelesen zu haben. Aufgrund des Buchtitels sowie der im Netz befindlichen Rezensionen (da scheint es eine Vorgabe für zu geben. Jedenfalls sind alle vorhandenen Rezensionen absolut gleichlautend, also wortwörtlich) hatte ich eine andere Erwartung vor dem Lesen: auf tiefergehende philosophische Gedanken freute ich mich, da die Architektur-Philosophie bislang ja leider nur ein Schattendasein führt. Der wissenschaftlichen Disziplin der Philosophie gehört sein Buch jedoch nicht an.

Trotzdem ist es fundiert, mit viel Fachwissen so unterschiedlicher Bereiche wie Medizin, Geschichte oder Technik geschrieben und dies auf eine lehrreiche und zugleich unterhaltsame Art. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass der Autor auch weibliche Expertise zu Rate zieht (alle rezitierten Philosophen sind männlich) und auch geografisch über den Tellerrand schaut (oder zumindest auf die Einschränkung einer westlich-weiß geprägten Sichtweise hinweist).